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Nicht zuschauen – aktiv werden gegen Ausgrenzung

18.04.2024

Zeitzeugengespräch mit Ernst Grube

Welche Weisheit er jungen Menschen von heute aus all seinen Erfahrungen mit auf den Weg geben könne? Keine Weisheit vielleicht, aber eine wichtige Erkenntnis, antwortete Herr Grube, und 230 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 9 und 11 des Chiemgau-Gymnasiums (ChG) hörten gespannt zu, was er ihnen zu sagen hatte. Man solle sich Entwicklungen und Geschehnissen, die gegen das Menschsein, gegen die Menschlichkeit gerichtet sind, entschieden entgegenstellen. Wann immer Minderheiten ausgegrenzt würden, wann immer gegen den Frieden gehandelt werde, „wehren Sie sich so früh wie möglich, warten Sie nicht einfach ab und schauen Sie nicht zu!“ Wo Ausgrenzung beginne und immer öffentlicher werde, so Grube, „bleibt sie nicht stehen; sie wird immer brutaler, immer schlimmer, sie erfasst immer mehr Lebenskreise.“

Bereits zu Beginn des Gesprächs, das Mittwoch am ChG stattfand, hatte Schulleiter Markus Gnad auf die besondere Bedeutung der Veranstaltung hingewiesen. Es sei wichtig, so Gnad, dass sich die Schülerinnen und Schüler intensiv mit Lebensgeschichten wie der von Ernst Grube auseinandersetzten, „damit so etwas Schreckliches wie die Verbrechen der Nationalsozialisten nie wieder passieren kann!“

230 Schülerinnen und Schüler des Chiemgau-Gymnasiums hörten gespannt zu, was der Zeitzeuge Ernst Grube ihnen mit auf den Weg geben wollte.
230 Schülerinnen und Schüler des Chiemgau-Gymnasiums hörten gespannt zu, was der Zeitzeuge Ernst Grube ihnen mit auf den Weg geben wollte.

Als Kind einer jüdischen Mutter und eines nicht-jüdischen Vaters wuchs Ernst Grube im nationalsozialistischen München auf. Eindrücklich schilderte er, wie Ausgrenzung und Verfolgung immer absurdere, immer bedrohlichere Züge annahmen. Wie es den Nationalsozialisten mehr und mehr gelang, „die Juden“ als das Böse schlechthin darzustellen, durch Maßnahmen wie die Pflicht zum Tragen des sogenannten Judensterns. Wie Nachbarn und Passanten plötzlich auf die Stigmatisierten herabsahen und diese verachteten. Wie schließlich die entwürdigenden Lebensumstände in den Baracken des Deportationslagers Milbertshofen die Widerstandskraft der Ausgegrenzten selbst angriffen.

Nur mit viel Glück und dank des mutigen Einsatzes des Vaters überlebten Ernst Grube, seine Mutter und seine Geschwister den Terror der Nazis. Als der Deportationsbefehl im Februar 1945 eintraf, waren die Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten bereits durch die sowjetische Armee befreit. Am 8. Mai 1945 erreichte die Rote Armee auch das Ghetto Theresienstadt, wo Ernst Grube mit seinen Geschwistern und seiner Mutter die letzten Kriegsmonate verbracht hatte. Wenige Wochen später konnten sie nach München zurückkehren. Zahlreiche Freunde und Verwandte hatten weniger Glück: sie haben den Holocaust nicht überlebt. Sichtlich betroffen, stellten die Schülerinnen und Schüler viele interessierte Fragen an Herrn Grube.  

Nach einem minutenlangen Applaus bedankten sich Schüler- und Lehrerschaft noch einmal herzlich bei Herrn Grube für sein Kommen und überreichten ihm ein paar Geschenke: neben etwas Kulinarischem gab es zwei Bücher über mutige Menschen, die sich dem Unrecht der Nationalsozialisten entgegengestellt haben. Solche Menschen gab es durchaus, auch in und um Traunstein. 

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